Skills: Wiederverwendbare Anleitungen für deine KI
Ein Skill ist eine Textdatei, die der KI beibringt, wie eine wiederkehrende Aufgabe im Unternehmen abläuft. Der Unterschied zu einem einzelnen Prompt, die Grenze zu n8n und Temporal und der Weg zum ersten eigenen Skill stehen hier.
Eine Assistentin in einer Steuerkanzlei schreibt jede Woche dieselbe Art von Mandantenbrief. Sie nutzt ChatGPT, tippt jedes Mal dieselben Vorgaben neu ein, korrigiert dieselben Fehler, erklärt derselben KI dieselben Ausnahmen. Nach 3 Monaten hat sie den Prompt auswendig gelernt. Die KI hat nichts gelernt.
Ein Skill ist die Anleitung dazu, einmal gründlich aufgeschrieben, die deine KI bei jedem neuen Auftrag wieder anwendet. Dafür braucht es weder Programmierung noch eine besondere Software noch ein Abo, nur eine Textdatei im richtigen Format am richtigen Ort. In dieser Podcast-Folge haben wir das Thema erstmals besprochen, hier stehen die Fragen, die dabei offen geblieben sind.
Was ein Skill ist
Ein Skill ist eine Markdown-Datei mit dem Namen SKILL.md. Oben steht ein kurzer Kopfbereich mit Namen und Beschreibung, darunter die Anleitung in normalem Fließtext. Die KI liest die Beschreibung und entscheidet selbst, ob der Skill zur Aufgabe passt. Wenn ja, lädt sie den Rest der Datei und hält sich an die Regeln darin.
Der Inhalt ist das, was du einer neuen Kollegin erklären würdest. Wie ein Angebot bei euch aufgebaut ist. Welche Formulierungen ihr vermeidet. In welchem Ordner die Textbausteine liegen. Was zuerst geprüft wird und was zum Schluss. Alles in ganzen Sätzen, ohne eine Zeile Code.
Das Format läuft über Anbietergrenzen hinweg. Anthropic, OpenAI und die Open-Source-Gemeinde haben sich im letzten halben Jahr auf SKILL.md als gemeinsamen Nenner geeinigt. Dieselbe Datei arbeitet in Claude Code, in OpenAI Codex und in OpenCode, ohne dass du sie umschreibst. Wechselst du die Umgebung, bleibt dein Bestand liegen.
Ein Prompt gilt für ein Gespräch, ein Skill für alle
Ein Prompt ist das, was du im Chatfenster tippst. Er gilt für dieses eine Gespräch. Öffnest du ein neues Fenster, fängt die KI wieder von vorn an. Für eine einmalige Frage ist das genau richtig und wird mühsam, sobald du dieselbe Aufgabe zum dritten Mal formulierst.
Ein Skill ist derselbe Inhalt, nur gespeichert. Er liegt als Datei in einem Ordner, den die KI kennt. Sie ruft ihn selbst auf, sobald die Aufgabe dazu passt, oder du aktivierst ihn mit einem kurzen Befehl. Was in der Datei steht, gilt in jedem Gespräch und für jeden im Team.
Daraus folgt der zweite Unterschied. Weil die Datei bleibt, lohnt es sich, an ihr zu arbeiten. Jede Korrektur landet dort und wirkt beim nächsten Durchlauf. Beim Prompt verpufft dieselbe Korrektur mit dem Fensterwechsel.
Warum das Format Markdown heißt und was es besonders macht, steht in Markdown-Dateien: Wissensmanagement für KI. Für den Moment genügt, dass es eine einfache Textdatei mit wenigen Strukturzeichen ist, lesbar wie eine Mail und für Sprachmodelle besonders eindeutig.
Wo Skills liegen und wo sie laufen
Die Datei und die Umgebung, die sie ausführt, sind 2 verschiedene Dinge, und du kannst beide unabhängig wählen.
Obsidian ist ein kostenloser Zettelkasten, der auf dem eigenen Rechner läuft und alle Skills als normale Markdown-Dateien hält. Keine Cloud, kein Anbieter dazwischen. Claude Code von Anthropic arbeitet in der Kommandozeile, hat Zugriff auf die Dateien des Rechners und liest Skills aus ~/.claude/skills/ oder aus dem Projektordner. Codex von OpenAI und der quelloffene OpenCode nutzen dasselbe Format, dieselben Dateien laufen also in allen 3 Umgebungen.
In der Praxis pflegst du deine Skills an einer Stelle und verknüpfst sie mit der Umgebung, in der gerade gearbeitet wird. Steigst du morgen von Claude Code auf OpenCode um, bleiben sie unverändert liegen.
Eine Chat-Oberfläche im Browser reicht dafür nicht, weil sie deine Dateien nicht sieht. Ein Skill, der sagt “nimm die Angebotsvorlage aus dem Ordner Vertrieb”, funktioniert nur, wenn die KI diesen Ordner öffnen kann.
Deinen ersten Skill anlegen
- Beschreib in 2 oder 3 Sätzen, wofür der Skill zuständig ist, etwa einen Mandantenbrief nach dem Erstgespräch zu entwerfen.
- Sammle die Regeln. Welche Anrede, welcher Ton, was darf nicht vorkommen, welche Textbausteine gehören hinein.
- Leg einen Ordner
mandantenbriefan und darin die DateiSKILL.md. Oben der Kopfbereich mit Name und Beschreibung, darunter die Anleitung. - Mach einen Probelauf mit einer echten Aufgabe. Alles, was du am Ergebnis korrigierst, trägst du als Regel in die Datei zurück.
Beim ersten Mal dauert das etwa eine Stunde, beim zweiten Skill 20 Minuten. Der letzte Schritt ist der wichtigste. Ein Skill wird durch die Rückmeldung aus der Praxis gut und nicht durch gründliches Vorausdenken.
| Bereich | Womit sich der Anfang lohnt |
|---|---|
| Steuerkanzlei | Mandantenbrief nach dem Erstgespräch, Prüfungshinweise aus den Unterlagen ziehen |
| Architekturbüro | Protokoll der Bauherrenbesprechung, Leistungsbeschreibung aus dem Angebotstext |
| Kommunalverwaltung | Antwortentwurf auf eine Bürgeranfrage, Ausschreibungstext nach internem Muster |
| Produktionsbetrieb | Schichtprotokoll zusammenfassen, Angebot aus Stückliste und Kalkulation |
Ungeeignet sind Aufgaben, deren Ergebnis jedes Mal neu gedacht werden muss. Eine Strategiediskussion wird durch einen Skill nicht besser.
Was hineingehört und was nicht
Ein Skill ist eine Textdatei auf einem Rechner. Was darin steht, sollte auch am Schwarzen Brett hängen können. Er beschreibt den Weg und nicht den Einzelfall.
| Gehört hinein | Bleibt draußen |
|---|---|
| Ablauf und Aufbau, etwa wie ein Angebot entsteht und in welcher Reihenfolge | Zugangsdaten, also Passwörter, Schlüssel für Schnittstellen und interne Adressen |
| Ton und Formulierungen, also Anrede, Stil und die Begriffe, die ihr meidet | personenbezogene Daten einzelner Mandanten, Patienten oder Kunden |
| Textbausteine für Gruß, Schluss und Standardformeln | laufende Verhandlungen mit ihren Preisen, Margen und Konditionen |
| 1 oder 2 gelungene Beispieltexte als Vorlage | Mandats- und Geschäftsgeheimnisse |
Der Grund für diese Trennung liegt nicht darin, dass der Skill etwas ausplaudern würde. Was in ihm steht, landet in einer Datei, die irgendwann geteilt, gesichert und über Jahre versioniert wird. Die konkreten Zahlen bekommt die KI im Moment der Aufgabe, nicht aus der Anleitung.
Ein Skill funktioniert nur für Vorgänge, die im Unternehmen jemand beherrscht. Kann niemand genau erklären, wie eine Aufgabe richtig gelöst wird, bringt auch die beste Anleitung keine KI dazu, sie zuverlässig zu erledigen. Der Skill hält vorhandenes Wissen fest, er ersetzt kein fehlendes.
Wann n8n oder Temporal die bessere Wahl sind
Skills sind beweglich. Die KI liest die Aufgabe, wendet die Anleitung an und entscheidet unterwegs. Das hilft, wenn die Eingaben unregelmäßig sind oder ein Text entstehen soll. Es stört, sobald ein Ablauf technisch jedes Mal exakt gleich laufen muss.
Für Textarbeit, Recherchen, Dokumentenentwürfe und Zusammenfassungen nimmst du einen Skill, also überall dort, wo es sprachlichen Spielraum gibt und wo einige Dutzend Durchläufe pro Woche anfallen. Sobald Systeme miteinander sprechen sollen, Daten aus der Kundenverwaltung in die Buchhaltung wandern und das hundertfach am Tag in immer derselben Form, gehört ein Automatisierungswerkzeug davor.
n8n ist dafür der naheliegende Weg. Das Werkzeug kommt aus Berlin, arbeitet DSGVO-konform, läuft auf dem eigenen Server, und du baust den Ablauf grafisch zusammen. Jeder Knoten erledigt einen Schritt, das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe. KI-Aufrufe lassen sich einbauen, in erster Linie verbindet n8n aber Systeme miteinander.
Temporal richtet sich an Entwicklerteams und nicht an den Fachbereich. Es sorgt dafür, dass ein Ablauf auch dann zu Ende läuft, wenn ein Server ausfällt, das Netz zusammenbricht oder der Vorgang über Tage geht. Gedacht ist es für Versicherungsfälle, mehrstufige Aufnahmeverfahren und Zahlungsabwicklung. Wer es einsetzt, hat eine IT-Abteilung und jemanden, der es betreut.
| Merkmal | Skill | n8n | Temporal |
|---|---|---|---|
| Typische Aufgabe | Textentwurf, Zusammenfassung | Systeme verbinden, Daten übergeben | lange, ausfallsichere Abläufe |
| Beweglichkeit | hoch | mittel | niedrig |
| Gleiches Ergebnis bei gleicher Eingabe | mittel | hoch | sehr hoch |
| Wer es pflegt | der Fachbereich | erfahrene Anwender, kleine IT | Entwicklerteam |
| Einstieg | eine Stunde | 1 bis 2 Tage | mehrere Wochen |
Daneben stehen die Agentensysteme. Das sind KI-Modelle, die mehrere Schritte selbst planen, dabei Werkzeuge aufrufen und sich einer Lösung Schritt für Schritt nähern. Ein Agent kann einen Skill benutzen, umgekehrt wird aus einem Skill kein Agent. Für ein Unternehmen ohne eigenes Entwicklerteam ist ein gepflegter Satz Skills der realistischere Anfang.
Skills verbessern, teilen und von anderen lernen
Ein Skill wird besser, indem er benutzt wird. Jede Korrektur an einem Ergebnis gehört zurück in die Datei. Am Anfang sind das mehrere Änderungen pro Woche, nach 2 bis 3 Monaten kommen die Ergebnisse gleichbleibend brauchbar heraus, und die Datei ändert sich nur noch, wenn eine neue Situation dazukommt.
Im Team wird über einen gemeinsamen Ordner oder über ein Repository geteilt. Wer Git benutzt, sieht jede Änderung und kann sie zurücknehmen. Für kleinere Teams reicht ein geteilter Ordner in Obsidian oder Nextcloud. Wichtiger als das Werkzeug ist die Absprache darüber, wer die Skills pflegt und wer eine Änderung freigibt.
Als Muster lohnt der Blick in die öffentlichen Sammlungen. Anthropic veröffentlicht eigene Skills unter github.com/anthropics/skills, OpenAI unter github.com/openai/skills, und unter awesome-agent-skills pflegt die Gemeinde inzwischen über 1.000 Beispiele. Kopiere nichts davon blind. Sieh dir an, wie andere ihre Anleitungen aufbauen, und schreib deine eigenen dann in deiner Sprache und für deine Abläufe.